Vom Hofnarr zum Volksliebling – der Gartenzwerg

19.07.2014 |  Von  |  Accessoires
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Vom Hofnarr zum Volksliebling – der Gartenzwerg
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Etwa 30 Millionen Gartenzwerge aus Keramik oder Kunststoff stehen in Kleingärten, in Vorgärten, auf Campingplätzen und in Parks. Ihre Besitzer sprechen deutsch, schweizerdeutsch oder niederländisch, aber auch französisch, englisch oder chinesisch.

„Auch wenn uns Zuversicht und Lebensfreude manchmal so klein wie Zwerge vorkommen:
Sie sind schlafende Riesen, die wir wecken können.“
(Jochen Mariss)

Die ältesten, als Gartenzwerge identifizierten Figuren sind über 300 Jahre alt, wurden aus Marmor gefertigt und sind im Zwerglgarten im Salzburger Schloss Mirabell zu bewundern. Abbildungen von kleinwüchsigen Menschen sind noch älter. Sie wurden als Hofnarren beschäftigt und auf Gemälden und Kupferstichen verewigt.

Der bekannteste Kupferstich ist das Bild „Burlesker Geigenspieler“ um 1600 von Jacques Callot. Zwerge sind aus etlichen Märchen der Gebrüder Grimm bekannt und in der germanischen und griechischen Mythologie beheimatet. Klassische Gartenzwerge des 19. Jahrhunderts tragen typische Bergmannstracht sowie eine rote Zipfelmütze und haben verschiedene Werkzeuge dabei. Sie erinnern mit ihren weissen Bärten an Miniaturausgaben des Weihnachtsmanns.

Gartenzwerge gehören neben der Kuckucksuhr zu den deutschen Exportschlagern und erfreuen sich auf dem ganzen Globus grosser Beliebtheit, natürlich auch in der Schweiz. Allerdings scheint die Weltbevölkerung in zwei Lager gespalten zu sein: Gartenzwerge werden entweder geliebt oder gehasst. Dazwischen gibt es nur einige wenige Menschen, denen die kleinen Gesellen egal sind.

Der Gartenzwerg ist kein urdeutsches Phänomen, wird aber gern als solches behandelt. Dabei werden sogar englische und französische Gärten von den putzigen Gesellen bevölkert, mit dem Unterschied, dass Gartenzwerge in Frankreich weisse Mützen tragen. Ursprünglich wurde der Gartenzwerg aus Ton gefertigt, per Hand bemalt und glasiert. 1872 und 1874 gründeten die Thüringer August Heissner und Philipp Griebel ihre Manufakturen und stellten Gartenzwerge in grossen Mengen her. Sie belieferten Königshäuser, Fürstenhäuser und Privatleute mit den putzigen Deko-Objekten.

Gartenzwerge haben rote Mützen. (Bild: Petr Lerch / Shutterstock.com)

Gartenzwerge haben rote Mützen. (Bild: Petr Lerch / Shutterstock.com)

„Gartenzwerge haben rote Mützen, damit sie beim Rasenmähen nicht überfahren werden.“
(Kindermund)




Die Manufaktur Griebel aus Gräfenroda im schönen Thüringen existiert noch heute. Hier werden auch einige der immer beliebter werdenden Büro-Gartenzwerge hergestellt. Die Firma unterhält ein werkseigenes Gartenzwerg-Museum, in dem jeder Gartenzwerg-Freund herzlich willkommen ist. Seit 1990 erlebt die Figur des Gartenzwerges eine „Wiederauferstehung“ und findet dank origineller und provokativer Motive neue Liebhaber.

Nun finden sich Zwerge mit heruntergelassener Hose, mit Messer im Rücken oder mit Gesichtern von Politikern im Handel. Miniaturausgaben als Accessoires für Balkon, Fensterbrett und Schreibtisch werden entworfen. Der Bürogartenzwerg stellt eine neue Gattung dar. Die Besitzer dieser Spielzeug-Zwerge wollen sich jedoch von der als spiessig verpönten Schrebergartenmentalität abgrenzen und bevorzugen witzige Figuren, mit denen sie ihre Kollegen im Büro erfreuen oder ärgern können.




Schlümpfe und Mainzelmännchen sind übrigens moderne Zwergen-Adaptionen, auch wenn diese Figuren manchen Leuten bereits uralt vorkommen. Doch Gartenzwerge sind kein Kinderspielzeug – die Liebhaber der bemützten Gesellen sind hauptsächlich Erwachsene und nicht jeder von ihnen besitzt einen Garten. Ein Problem für die heimische Gartenzwergindustrie stellen Plagiate aus Fernost dar, die aus minderwertigen Materialien gefertigt werden. Kenner wissen jedoch die Originale zu schätzen und lassen die Billig-Kopien links liegen.




Auch im neuen Jahrtausend polarisiert der Gartenzwerg und mischt in der Medienwelt kräftig mit:

  • 2009 sorgen 1200 Gartenzwerge mit Hitlergruss des Nürnberger Künstlers Ottmar Hörl für Aufsehen in der Kunstszene.
  • 2010 werden in Stade einige Gartenzwerge Opfer einer medienträchtigen Entführung. Mit der Berichterstattung wird das Sommerloch gestopft.
  • 2012 lästert Rainer Brüderle über Gartenzwerge, meint damit jedoch einige Handvoll EU-Politiker, die er insgesamt für unfähig hält.
  • 2013 wird in Eichenzell eine Dauerausstellung über Gartenzwerge eröffnet, die schlicht und einfach die Frage an die Besucher stellt: „Lieben Sie Gartenzwerge?“
  • 2014 entdeckt eine US-Amerikanerin in einem zerbrochenen Gartenzwerg eine vermeintliche Madonnenstatue und widmet diesem Phänomen eine eigene Facebook-Seite.

Na, Lust auf einen kleinen Mann für den Garten bekommen? Die Frauenquote hat übrigens längst in die Zwergenwelt Einzug gehalten. Gartenzwerginnen sind zwar selten, aber es gibt sie.

 

Oberstes Bild: © Inc – Shutterstock.com

Über Claudia Göpel

Als gelernte Zahntechnikerin schreibe ich exzellent recherchierte Texte rund um die Themen Zahnmedizin, Allgemeinmedizin, Geriatrie und Gesundheit.
Sie profitieren mit mir als Auftragstexterin zudem von einem reichen Erfahrungsschatz in den Berufsbereichen Gastronomie, Kultur und Recht. Blog- und Fachartikel über Kinder, Tiere (Hunde, Katzen, Vögel, Fische, Reptilien, Kleinsäuger, Vogelspinnen), Pflanzen, Mode, Möbel und Denkmalschutz schreibe ich ebenfalls mit Begeisterung und reichlich Hintergrundwissen.
Zum Ausgleich verfasse ich in meiner Freizeit Kriminalstorys sowie erotische Kurzgeschichten, die unter dem Pseudonym Anastasia in zahlreichen Büchern und Erotik-Magazinen veröffentlicht sind. Ausserdem bin ich seit vielen Jahren ehrenamtlich als Klinikclown für kranke Kinder in deutschen Krankenhäusern und Hospizen aktiv.


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