Ablenkung verursacht mindestens jeden dritten Verkehrsunfall

Wallisellen (ots) –

Neue Allianz Studien zeigen, dass Ablenkung am Steuer das Unfallrisiko deutlich stärker erhöht als bislang angenommen. In bestimmten Situationen ist das Unfallrisiko abgelenkter Fahrzeuglenkenden dreimal so hoch wie bei aufmerksamen Verkehrsteilnehmenden. Ablenkung kann damit riskanter sein als das Fahren mit 0,8 Promille. Allianz Tests zeigen zudem, dass unterschiedliche Touchscreen-Bedienkonzepte die Blickabwendungszeit bei identischen Aufgaben um bis zu 25 Prozent verlängern können. In der Schweiz wünschen sich laut einer Allianz Umfrage rund zwei Drittel der Befragten physische Schalter und Tasten im Cockpit. Am 14. Allianz Motor Day fordert die Allianz deshalb sicherheitsoptimierte Cockpits, klare regulatorische Vorgaben und mehr Verantwortungsbewusstsein im Strassenverkehr.

Beim 14. Allianz Motor Day am 21. Oktober 2026 stand eines der grössten Sicherheitsrisiken im Strassenverkehr im Fokus: die Ablenkung am Steuer. Neue Untersuchungen des Allianz Zentrums für Technik (AZT) zeigen, dass ihr Anteil am Unfallgeschehen deutlich höher ist als bislang angenommen. Während frühere Schätzungen von rund 10 Prozent der Verkehrsunfälle ausgingen, weisen die aktuellen Analysen auf einen Anteil von mehr als 30 Prozent hin. Damit ist Ablenkung bei mindestens jedem dritten Unfall entweder der unmittelbare Auslöser oder ein entscheidender mitwirkender Faktor.

AZT/cogniBIT-Studie macht Ablenkungsmanöver erstmals konkret messbar

Eine gemeinsame Studie des AZT und des auf kognitive Modellierung spezialisierten Unternehmens cogniBIT weist erstmals nach, wie stark sich Ablenkung in ausgewählten kritischen Verkehrssituationen auf das Kollisionsrisiko auswirken kann. Diese Berechnungen basieren auf einem kognitiven Fahrermodell und realen Blickdaten aus einer umfangreichen Fahrzeugstudie.

Die Studienergebnisse zeigen die erheblichen Auswirkungen von Ablenkung auf die Verkehrssicherheit: In einem simulierten Notbrems-Szenario auf der Autobahn stieg der Anteil der Unfälle von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Fahrer:innen auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrer:innen. In einem Szenario, bei dem ein Kind unvermittelt die Fahrbahn betritt, erhöhte sich die Unfallquote von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent. Besonders alarmierend: In 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Fahrzeuglenkenden überhaupt nicht.

Es ist davon auszugehen, dass mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen ist. Das ist deutlich häufiger als bislang angenommen. Besonders alarmierend: In den Untersuchungen schnitten abgelenkte Fahrzeuglenkende in kritischen Situationen sogar schlechter ab als Fahrer:innen mit einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Ablenkung ist demnach in einigen Situationen noch gefährlicher als Alkohol am Steuer – und kein Kavaliersdelikt. Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer.

Das Auto ist kein Smartphone

Der stark zugenommene Funktionsumfang moderner Fahrzeuge macht die Abbildung bestimmter Funktionen über den Touchscreen notwendig. Dabei wandern Funktionen, die früher intuitiv und ohne Blickkontakt bedient werden konnten, zunehmend in digitale Menüs. Für zentrale und häufig genutzte Funktionen wie das Bedienen der Klimaanlage oder des Radios sind heute oftmals mehrere Eingaben auf dem Bildschirm notwendig. Dadurch richten die Fahrer:innen ihren Blick länger und häufiger weg vom Verkehrsgeschehen, was die Fahrsicherheit beeinträchtigen kann.

„Unsere Forschung zeigt, dass derselbe Bedienvorgang in einem Fahrzeug bis zu 25 Prozent weniger visuelle Aufmerksamkeit beanspruchen kann als in einem anderen. Das macht deutlich: Ablenkung ist nicht nur eine Frage des Verhaltens, sondern auch der Benutzeroberfläche. Das Cockpit selbst ist zu einem Bildschirm geworden, der mit der Strasse um die Aufmerksamkeit des Fahrers konkurriert. Aber ein Auto ist kein Smartphone. Wenn es um Sicherheit geht, muss Design der Funktion folgen“, sagte Dr. Klaus-Peter Röhler, Vorstandsmitglied der Allianz SE, zuständig für Insurance German Speaking Countries, Central Europe, Global Property & Casualty.

Das Design entscheidet: Das Cockpit als Sicherheitsfaktor

Eine Fahrstudie des AZT unter realen Bedingungen zeigt, dass die Gestaltung des Touch-Bedienkonzepts erheblichen Einfluss darauf hat, wie lange Fahrer bei der Bedienung den Blick von der Strasse abwenden. Beim Vergleich aktueller Fahrzeugmodelle führten identische Alltagsaufgaben zu teilweise deutlich unterschiedlichen Blickabwendungszeiten.

Bei einzelnen Aufgaben konnten durch ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden Blickabwendungszeit eingespart werden. Die Ergebnisse zeigen: Nicht der Touchscreen selbst ist das Problem, sondern die Art, wie Funktionen in das Bedienkonzept des Fahrzeugs integriert werden.

„Für eine sichere Fahrzeugbedienung braucht es verbindliche Empfehlungen, welche Funktionen über physische Schalter und welche per Touchscreen gesteuert werden sollten. Gleichzeitig sollten wissenschaftliche Erkenntnisse zur Mensch-Maschine-Interaktion konsequent genutzt werden, um Touchscreen-Bedienungen so auszugestalten, dass sie den Fahrer möglichst wenig vom Verkehrsgeschehen ablenken“, sagte Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik (AZT).

Was Autofahrer:innen sagen

Die Sorgen vieler Autofahrenden sind begründet: Nach einer aktuellen Allianz Umfrage unter Schweizer Autofahrer:innen sehen 77 Prozent der Befragten in der zunehmenden Digitalisierung des Fahrzeugs einen Treiber für mehr Ablenkung am Steuer. Jede:r zweite Fahrer:in stuft das Ablenkungsrisiko inzwischen als hoch oder sehr hoch ein. Besonders bemerkenswert: 64 Prozent der Fahrzeuglenkenden, die in den vergangenen drei Jahren einen Unfall verursacht haben, halten Ablenkung für eine definitive oder mögliche Ursache. Entsprechend gross ist der Wunsch nach einfacherer Bedienung: Rund zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) sprechen sich für klassische Schalter und Tasten statt verschachtelter Touchscreen-Menüs aus.

Forderungen der Allianz auf dem 14. Allianz Motor Day zur Verbesserung der Sicherheit im digitalen Auto

1. Fahrzeughersteller: Relevante Funktionen müssen leicht zugänglich und jederzeit bedienbar sein, zum Beispiel auch per Schalter

Fahrzeughersteller müssen Bedienkonzepte konsequent an den Anforderungen des realen Fahrbetriebs ausrichten. Sicherheitskritische Funktionen wie Scheibenwischer, Blinker, Abblend- und Fernlicht, Warnblinker sowie Scheibenheizung und -entfrostung müssen schnell und intuitiv erreichbar sein. Bedienelemente sollten permanent zugänglich bleiben, entweder über physische Bedienelemente oder über klar definierte, ständig verfügbare Bereiche auf dem Touchscreen. Dies verkürzt die Suchzeit, sorgt dafür, dass der Blick der Fahrer:innen auf der Strasse bleibt, und erleichtert die Bedienung ungewohnter Fahrzeuge. In Europa prämiert Euro NCAP bereits Designs, die direkten Zugriff auf wichtige Funktionen bieten, anstatt diese in Menüs zu verstecken.

2. Regulierung und Überwachung müssen mit der Digitalisierung Schritt halten

Regulierungs- und Vollzugsbehörden sollten das Thema Ablenkung systematisch angehen, beginnend mit einer einheitlichen Erfassung. Wirksame Regulierung, Durchsetzung und Technologien zur Überwachung von Ablenkung können dazu beitragen, riskantes Verhalten zu verhindern, das Verständnis für das Problem zu verbessern und Unfälle aufgrund von Ablenkung zu reduzieren. Da Fahrzeuge zunehmend digitaler werden, müssen sich auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und Durchsetzungsmassnahmen weiterentwickeln, um neuen Ursachen für Ablenkung Rechnung zu tragen.

3. Autofahrer:innen tragen zentrale Verantwortung

Trotz aller technischen Unterstützung bleibt die Aufmerksamkeit der Fahrzeuglenkenden der entscheidende Sicherheitsfaktor. 82 Prozent der Befragten in der Schweiz sehen die Hauptverantwortung für die Vermeidung von Ablenkung bei sich selbst. Fahrerassistenzsysteme können unterstützen, die Fahrzeuglenkenden jedoch nicht ersetzen. Umso wichtiger sind Aufklärung, Fahrerschulungen und wirksame Hinweise im Fahrzeug, um das Bewusstsein der Fahr:innen für die Risiken von Ablenkung nachhaltig zu stärken.

Über die Studien

Das AZT führte sein bislang umfassendstes Forschungsprogramm zum Thema Ablenkung am Steuer durch. Dabei wurden die Analyse von mehr als 34.000 Unfallfällen, Eye-Tracking-Studien in realen Fahrzeugen, eine Fahrsimulationsstudie in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München, kognitive Modellierung kritischer Verkehrssituationen mit cogniBIT, eine internationale, repräsentative Fahrerbefragung in neun Ländern (je 1.200 Personen) sowie eine Auswertung von mehr als 80 veröffentlichten Studien kombiniert. Die Ergebnisse wurden auf dem 14. Allianz Motor Day vorgestellt und sind im Bericht „SWIPE. TAP. CRASH. Ablenkung am Steuer im digitalen Auto“ veröffentlicht.

Weitere Informationen zum 14. Allianz Motor Day finden Sie auf Live | Allianz Motor Day und Allianz Motor Day 2026 Swipe. Tap. Crash. Ablenkung des Fahrers im digitalen Auto | Allianz

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Nadine Schumann, Senior Spokesperson
press@allianz.ch, Tel. +41 (0) 58 358 84 14

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