Michael Thonet, der Pionier der Bugholztechnik – Teil 1

15.08.2014 |  Von  |  Allgemein
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Michael Thonet, der Pionier der Bugholztechnik – Teil 1
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Michael Thonet (1796-1871), geboren in Boppard am Rhein, revolutionierte im 19. Jahrhundert mit der von ihm perfektionierten Bugholztechnik die industrielle Herstellung von Möbeln, vor allem im Segment Stühle. Bis heute gelten er und sein Unternehmen als Pioniere modernen Möbeldesigns.

Nach seiner Tischlerlehre machte sich Thonet 1819 selbstständig. Ein Jahr später feierte er Hochzeit mit Anna Grahs. Die beiden zeugten sieben Söhne und sechs Töchter, allerdings starben alle Mädchen und zwei Jungen bereits im Kleinkindalter. Thonets Arbeiten wurden schon früh geschätzt, nicht zuletzt, weil er sein Hauptaugenmerk stets auf beste Qualität und weiterführende Innovationen lenkte. Seine ersten Versuche, Möbel aus gebogenem und verleimtem Holz herzustellen, datieren auf die Zeit um 1830. Erste Erfolge mit einem Stuhl feierte er 1836.

Das Jahr 1841 brachte eine entscheidende Wende in seinem Leben, die sich allerdings nicht sofort auswirken sollte. Auf der Gewerbeausstellung in Koblenz begegnete er dem österreichischen Fürsten Klemens von Metternich, der von seinen Möbeln sehr angetan war. Metternich soll Thonet geraten haben, nach Wien zu kommen, denn in Boppard würde er niemals ein reicher Mann werden. Thonet nahm die Einladung an und durfte seine Möbel, vor allem die Stühle, ein Jahr später am kaiserlichen Hof präsentieren.

Aber erstmal hatte Thonet einen Rückschlag zu verkraften. Nach finanziellen Schwierigkeiten mit der Firma in Boppard verlor er sein Eigentum durch Pfändung und Versteigerung. Daraufhin entschied er sich 1842 für den endgültigen Umzug mit seiner Familie nach Wien. Um Geld zu verdienen, produzierte er anfangs billige Stühle für Clemens List, einen Möbelhändler, die viele Käufer fanden. List empfahl Thonet weiter an den englischen Baumeister Peter Hubert Desvignes, der ihm wiederum Kontakt zu der Werkstatt Leister verschuf. Gemeinsam mit seinen Söhnen schuf er für Leister zwischen 1843 und 1846 einen Teil der Inneneinrichtung für das Stadtpalais Liechtenstein.




Ermutigt durch seine Erfolge, wagte er 1849 erneut den Schritt in die Selbstständigkeit. Vier Jahre später übertrug er das Unternehmen per Gesellschaftsvertrag an seine Söhne. Fortan hiess die Firma „Gebrüder Thonet“. Allerdings behielt der Vater bis zu seinem Tod die oberste Geschäftsleitung inne. Von nun an ging es steil bergauf. 1850 entstand der Stuhl Nr. 1. Auf der Londoner Industrieausstellung „Great Exhibition“ 1851 erhielt er für seine Stuhlkollektion eine Bronzemedaille und wurde dadurch auch international bekannt. Die Weltausstellung in Paris 1855 brachte ihm eine Silbermedaille ein.

Buchenholz war eine wichtige Grundlage fűr die Herstellung von Thonets Möbeln. (Bild: A.von Dueren/Shutterstock.com)

Buchenholz war eine wichtige Grundlage fűr die Herstellung von Thonets Möbeln. (Bild: A.von Dueren/Shutterstock.com)

Thonet ruhte sich aber nicht auf seinen Lorbeeren aus, ganz im Gegenteil. Er feilte ständig an besseren und effektiveren Produktionsmethoden und erweiterte den Betrieb. 1856 eröffnete er eine neue Fabrik im mährischen Koritschan. Zu dem Gelände gehörten grosse Buchenwälder, deren Holz eine wichtige Grundlage für die Herstellung seiner Möbel war. 1859 entwarf Thonet den Stuhl – oder auch „Konsumstuhl“ – Nr. 14, der bis heute als die „Mutter“ aller Stühle gilt. Bis 1930 wurden allein von diesem Modell sage und schreibe rund 50 Millionen Exemplare gefertigt und an die Kundschaft ausgeliefert. Ausserdem erhielt er dafür auf der Pariser Weltausstellung von 1867 die lang ersehnte Goldmedaille.




Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1862 verbrachte Thonet noch mehr Zeit mit seiner Arbeit. Statt mit seinen 66 Jahren in den Ruhestand zu gehen, beteiligte er sich massgeblich an Neu- und Weiterentwicklungen sowie an sämtlichen Geschäftsgründungen. Auf dem Betriebsgelände trug er meistens einfache Arbeitskleidung, so dass er oft nicht erkannt wurde. Besucher und Mitarbeiter haben Anekdoten überliefert, dass er stets auf seine Söhne verwies, wenn nach der Geschäftsleitung gefragt wurde.

Bei einem Besuch in Ungarn Ende 1870, wo er einen Wald besichtigte, erkältete er sich schwer. Thonet erholte sich von dieser Krankheit nicht mehr und verstarb im März 1871 in Wien. Er wurde zuerst auf dem Sankt Marxer Friedhof bestattet, 1888 dann aber in die Familiengruft der Thonets auf dem Wiener Zentralfriedhof umgebettet. Zur Zeit seines Todes war das Unternehmen in rund zwanzig Grossstädten in Europa und Amerika mit Filialen vertreten, darunter Paris, Rom, London, Madrid, Moskau, Hamburg, New York und Chicago. Die Fabriken verteilten sich vor allem auf Mittel- und Osteuropa.




Neben den zahlreichen Auszeichungen auf internationalen Messen und Ausstellungen, darunter mehrere Goldmedaillen, die an Thonet als Möbelhersteller gingen, wurde der Gründer aber auch persönlich geehrt. Unter anderem erhielt er vom österreichischen Kaiser Franz Joseph I. das goldene Verdienstkreuz mit Krone sowie das Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens, in Mexiko den Guadeloupe-Orden. In Wien wurde 1953 darüber hinaus die „Thonetgasse“ nach ihm benannt.

 

Oberstes Bild: © Alina Cardiae Photography – Shutterstock.com

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.


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